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Geschrieben von Frank am 17.10.2007 um 19:42:

  Ennis und Äneas: "I swear"

Hallo Leute,

Ich weiß zwar, dass der Film unter uns schon ziemlich „ausdiskutiert“ ist. Trotzdem komm ich noch mal mit einem vielleicht unwesentlichen Nebenaspekt. Aber ich habe etwas entdeckt, was ein sehr interessantes Licht auf die Szene bei Jacks Eltern und auf Ennis‘ Schlussworte „Jack, ich schwör‘s“ wirft. Ich glaube, das ist hier noch gar nicht angesprochen worden.

Vor vielen, vielen Monden, damals als BBM noch frisch und neu war und mit voller Wucht in vieler Leute Leben hineingeplatzt ist, gab es auf dem BBM-Board der „Internet-Movie-Database“ imdb fast sekündlich neue posts und Diskussionen. Einig dieser Diskussionen habe ich mir auf der Festplatte gespeichert und dort etwas Interessantes gefunden.

Einer der eifrigsten, klügsten und gebildetsten Poster auf dem Board war damals ein gewisser „Casey Cornelius“, der eine mögliche mythologische Parallele zu Ennis entdeckt hat, nämlich den römischen Sagenhelden Äneas.

Äneas ist ein trojanischer Prinz, Sohn des Anchises. Als die Griechen Troja zerstören und alle Einwohner umbringen, gelingt es Äneas, zusammen mit seinem Sohn Ascanius und seinem Vater Anchises aus dem brennenden Troja zu entkommen, wobei er seinen betagten Vater auf dem Rücken aus der Stadt trägt. (So wie Ennis im symbolischen Sinne ständig seinen Vater im Nacken hat und diese schwere Last mit sich rumtragen muss.)

Nach vielen Irrfahrten gelangt Äneas schließlich nach Italien, wo sein Sohn die Stadt Alba Longa gründen wird, die als Vaterstadt von Rom gilt. Deshalb ist Äneas der mythische Stammvater der Römer. Und als solcher wird er von dem römischen Dichter Publius Vergilius Maro (70 v.Chr. - 19 v.Chr.) - kurz: Vergil - in dessen Epos „Äneis“ auch gefeiert.

Auf seinen Irrfahrten durch das Mittelmeer gelangt Äneas auch nach Karthago, wo sich die Königin Dido in ihn verliebt. Aber der fromm den Göttern ergebene Äneas folgt dem Ruf Jupiters - „die Pflicht ruft“, schließlich muss ja Rom gegründet werden (so wie Ennis der gesellschaftlichen Konvention folgt und ein Zusammenleben zweier Männer ablehnt) - und verlässt Karthago. Vor Liebeskummer nimmt sich Dido daraufhin verzweifelt das Leben.

Im sechsten Buch seiner Äneis schildert Vergil nun, wie Äneas zur Sybille von Cumae kommt und mit ihrer Hilfe in die Unterwelt hinabsteigen kann, wo er unter anderem dem Geist Didos begegnet. Dazu muss er freilich erst mal am Wächter der Unterwelt, dem Zerberus, vorbei.

Vielen ist der eigentümliche Stil der Szene im Twist-Haus aufgefallen, die Rodrigo Prieto und Ang Lee ganz bewusst nach Gemälden eines bestimmten Malers gestaltet haben, dessen Namen mir jetzt aber gerade nicht einfällt. Anders als das Durcheinander in Ennis‘ und Almas Wohnung oder das gutbürgerliche 70er-Jahre-Wohnzimmer von Jack und Lureen wirkt das weißlich schimmernde Innere der Twist-Farm jedenfalls seltsam unrealistisch, fast andersweltlich. Wenn wir nun Casey Cornelius‘ Interpretation folgen, dann repräsentiert dieses seltsame Twist-Haus gewissermaßen den Hades, die „Unterwelt“, in die Äneas/Ennis herabsteigt. Jacks Vater wäre dann praktisch der Zerberus, der Wächter der Moral und der Konvention, der aufpasst, dass keiner aus dem Totenreich entweicht („We‘ve got a family plot. He‘s goin‘ in it.“) oder eindringt. Jacks Mutter ist die Sibylle, die Äneas/Ennis am Zerberus vorbei trotzdem Zugang verschafft.

In der Unterwelt trifft Äneas auch den - unversöhnten - Schatten der Dido. Hier der entscheidende Ausschnitt aus Vergils Äneis (Buch VI, Vers 449-476), der eventuell ein interessantes neues Licht auf Ennis‘s Schlussworte „Jack, I swear“ wirft:

Unter der Schar durchirrt die phoinikische Dido mit frischer
Wunde die weiten Gehege des Hains. Da der troische Held jetzt
Neben sie trat und zuerst durch den Schatten sie dunkel erkannte
(...)
Brach in Tränen er aus und sprach mit schmeichelnder Liebe:
"Unglückselige Dido, so ist es denn wahr, was die Botschaft
Meldete, dass du dahin, dass vom eigenen Stahl du gefallen?
Weh, gab ich dir den Grund zum Tod? Ich schwör's bei den Sternen,
Schwör's bei der himmlischen Schar und wenn Glauben noch unter der Erde
Wohnt, nur gezwungen entwich ich, o Königin, deinem Gestade.
Aber der Götter Geheiß (...)
Trieb mich hinweg mit Gewalt. Auch konnt ich nimmer mir denken,
Dass mein Scheiden dir so gewaltigen Kummer bereite.
Hemme den Schritt und entfliehe mir nicht aus den Blicken! Wen fliehst du?
Diesmal allein noch vergönnt dich anzureden mein Los mir!"
Also versucht Aineias den scheel dreinschauenden, grimmen
Geist mit freundlichem Wort zu besänftigen, selber in Tränen.
Doch von ihm gewandt hielt fest sie am Boden die Augen
Und zeigt Mienen und Blick so wenig bewegt bei der Rede,
Als ob Kieselgestein dastand und marpesischer Marmor.
Endlich macht sie sich auf und flieht feindselig von dannen,
Fort in den schattigen Hain, wo ihr früherer Gatte Sychaeus
Glut ihr erwidert mit Glut und in herzlicher Lieb' ihr begegnet.
Und Aineias, aufs tiefste bewegt durch ihr bitteres Unglück,
Sendet ihr Tränen noch weithin nach und herzliches Mitleid.

Durch die - mögliche - mythologische Parallele wird der Geschichte zwar nichts Wesentliches hinzugefügt (man muss wirklich nicht die Aeneis kennen, um BBM zu verstehen), aber es verankert die Geschichte in der abendländischen Mythologie und Kulturgeschichte und gibt ihr somit eine zusätzliche Tiefendimension. Das ist so wie ein Oberton, der auf einem guten Flügel mitschwingen und ihm seinen ganz besonders edlen Klang verleiht. Es kommt zwar auf die Melodie an, aber wenn man diese Obertöne noch mithört, wird der Genuss noch größer.-
Ähnliche „Obertöne“ klingen zum Beispiel aus den vielen christlichen Anspielungen im Film (die drei Strommasten ganz am Anfang, die wie die drei Kreuze auf Golgatha aussehen; Jack, wie er auf seinen Schultern das Lamm trägt; „Waterwalking Jesus“; das Kreuz, das hinter Jacks Mutter zu sehen ist); oder den Verwurzelungen in der chinesischen Kultur (Yin und Yang; Farbsymboliken; Erde, Wind, Wasser, Feuer; der Vollmond). All das diese subtilen Hinweise und Anspielungen verankern die Geschichte von Ennis und Jack im mythologischen Repertoire der Menschheit, weisen so über die Geschichte selbst hinaus und geben ihr zusätzliche, ungeahnte Dimensionen und Weiten.



Geschrieben von siri am 17.10.2007 um 21:26:

 

wow, klingt total interessant. Ang Lee ist schon ein Meister der Bildsprache.



Geschrieben von Bluelissa am 17.10.2007 um 21:44:

 

Frank, ich wünschte so sehr, Ang Lee könnte hier ein Statement dazu abgeben.Das ist absolut irre und interessant, was du schreibst und ich wünschte, es würde sich so im Gedächtnis der Menschheit verankern.BBM als eines der Sagen und Mysterien der Welt, die die Zeiten überdauern.
Kann der Maler, den du meinst, Hopper sein?Mich hat das Twisthaus sehr an seine Werke erinnert, die ich vor einigen Jahren in einer hoffnungslos überfüllten Kölner Ausstellung gesehen habe.
Lissa



Geschrieben von Eva am 17.10.2007 um 21:44:

 

Also das ist wirklich total interessant, Frank! Ich kenne mich in der antiken Mythologie nicht ganz so gut aus, finde es aber immer wieder extrem interessant, wie oft diese Themen und Geschichten im Verlaufe der Menschheit immer und immer wieder verwendet werden.
Gerade neulich habe ich eine Führung durch das frisch renovierte Mannheimer Schloss mitgemacht und sah an den Decken fast ausschließlich Deckengemälde mit Szenen aus dem Trojanischen Krieg. Die Herrscher haben mit solchen Bildern gerne ihre göttliche Legitimation unterstrichen!
Bezüglich BbM frage ich mich jetzt natürlich, ob es eher Zufall ist, dass man diese "Äneas" (klingt schon fast wie "Ennis")- Parallele ziehen kann oder ob da tatsächlich eine Absicht bei der Gestaltung des Filmes mitschwang.
Faszinierend ist es allemal!



Geschrieben von LovelySmiley am 17.10.2007 um 21:49:

 

Danke Frank, dieser kleine Exkurs war echt total interessant! Wer weiß, ob Ang Lee wirklich diese Parallelen im Kopf hatte? Das wäre wieder sowas, was auf die "1000 Fragen, die man Ang Lee dringend mal stellen müsste"-Liste unbedingt drauf gehört!



Geschrieben von 19entchen91 am 18.10.2007 um 12:06:

 

Stimmt, die geschichte von Äneas hab ich zuletzt im unterricht oder so besprochen, aufjeden fall kannt ich sie und mir ist damal schon diese parallele aufgefallen ...

Wie schön das klingt: Brokeback Mountain als Mythos der die Welt noch in 1000 jahren begeistert Fettes Grinsen



Geschrieben von Francine am 18.10.2007 um 12:46:

 

Das ist wieder mal total interessant, was du da schreibst, Frank! Würde mich auch brennend interessieren, ob Ang Lee diese Parallelen tatsächlich beabsichtigt hat oder wir nur zu viel interpretieren. Was ich wirklich interessant finde, ist, wie Eva schon geschrieben hat, die Namensähnlichkeit. Könnte es Ang Lee aber durchaus zutrauen, dass er den Bezug zur Mythologie beabsichtigt hat. Aber erfahren werden wir das wohl nie.
Was mich immer wieder begeistert, ist dein unheimlich breites und auch fundiertes Allgemeinwissen, Frank! Wollte ich nur mal hier so angebracht haben...*frank knuddel* *grins*



Geschrieben von Monkeymia am 18.10.2007 um 15:17:

 

Ich hab keine Ahnung, ob darüber schon mal diskutiert wurde, aber ich würde zu gerne wissen, wie Annie Proloux auf den Namen Ennis del Mar gekommen ist.Ein wunderbarer Name für einen romantischen Romanhelden, aber irgendwie doch völlig daneben für die Figur, die sie beschreibt.Würden einfache Leute wie Ennis' Eltern auf so einen Namen verfallen?Weiß jemand vielleicht mehr darüber, würde mich echt interessieren.
Mia



Geschrieben von Andi am 18.10.2007 um 15:51:

 

Zitat:
Original von Monkeymia
Ich hab keine Ahnung, ob darüber schon mal diskutiert wurde, aber ich würde zu gerne wissen, wie Annie Proloux auf den Namen Ennis del Mar gekommen ist.Ein wunderbarer Name für einen romantischen Romanhelden, aber irgendwie doch völlig daneben für die Figur, die sie beschreibt.Würden einfache Leute wie Ennis' Eltern auf so einen Namen verfallen?Weiß jemand vielleicht mehr darüber, würde mich echt interessieren.
Mia


Ich hab mir schon mal ähnliche Gedanken gemacht, Mia.

Damals, als ich von BBM noch nicht so viel wusste und zum ersten Mal bewusst die Namen der beiden Protagonisten gelesen habe, hab ich den Namen Ennis del Mar sogar erstmal "dem Dunkelhaarigen" zugeordnet; ich dachte, der Name könnte irgendwie aus dem Spanischen bzw. Mexikanischen stammen und da passte das Aussehen von Jake irgendwie mehr dazu, außerdem fand ich auch, dass der Name einfach vom Klang her eher zu ihm passt. Bis ich mich dann weiter ausführlicher damit beschäftig und schließlich gemerkt habe, dass ja "der Blonde" den Namen Ennis del Mar trägt.
Ich hab mich auch schon gefragt, wieso ausgerechnet Ennis diesen exotisch anmutenden Namen trägt. Ok, vielleicht wegen der Bedeutung mit der "Insel im Meer", aber das allein kanns doch auch nicht sein, oder??



Geschrieben von franke11 am 18.10.2007 um 16:28:

 

Ennis, Montana is a small town with a population of 11,000 trout and 1000 people located near top-rated trout streams, pristine lakes, and the majesty of Yellowstone National Park



Geschrieben von Bluelissa am 18.10.2007 um 19:45:

 

Ist er also nach dieser Stadt "Ennis"benannt? verwirrt .Ich muß gestehen, dass ich mir die Frage, die Mia hier aufgeworfen hat,auch schon des öfteren gestellt habe.Annie legt soviel Wert auf Authenzität, insbesondere in dieser Kurzgeschichtensammlung über Wyoming.Warum hat sie dann hier ausgerechnet diesen Namen gewählt, von dem ich jetzt einfach mal annehme, dass er absolut nicht authentisch ist, weder für Wyoming, noch gar für die Gesellschaftsschicht, der Ennis angehört.Man würde eher einen knorrigen Allerweltsnamen wie Pete oder Joe vermuten.Ennis del Mar, das ist ja fast Poesie, der Name zergeht förmlich auf der Zunge und man verbindet damit nichts weniger als einen bitterarmen, wortkargen Farmer aus Wyoming, der mit sich und seinem Leben nicht klar kommt.
Auch den Nachnamen "Twist"finde ich sehr untypisch für amerikanische Verhältnisse.Mich würde auch mal interessieren, welche Gedankengänge die Autorin dabei wohl bewegt haben.
Lissa



Geschrieben von franke11 am 18.10.2007 um 20:11:

 

Hab hier mal ein Interview von Annie Proulx.
Achtet mal auf die markierte Stelle.

Irgendwo in Wyoming
Annie Proulx: Ein Besuch in ihrer kargen Wahlheimat. Von der amerikanischen Pulitzer-Preisträgerin ist jetzt ein neuer Erzählband erschienen. Ein ungewöhnliches Interview.
Von Heike Gätjen

Hamburg -
Niemand ist da. Am vereinbarten Treffpunkt in Centennial 3000 Meter hoch in den Ausläufern der Medicine Bow Mountains mit schneebedeckten Gipfeln. Das Nest am Rande des Wyoming State Highway 130 wirkt wie eine verlassene Filmkulisse. Schotterpisten. Holzhäuser. The Old Corral Restaurant, die Bar, die Post - alles geschlossen. Ein schwarzer Van nähert sich. Annie Proulx sitzt drin, guckt mißtrauisch, bricht in Gelächter aus. Schnell wird klar: Sie stellt lieber Fragen als Antworten zu geben.


ANNIE PROULX: Was war das für ein klappriges Auto, in dem Sie gekommen sind?

ABENDBLATT: Es gab so früh nichts anderes.

PROULX: Wer war der Typ?

ABENDBLATT: Ein Farmer, der alte Chevrolets liebt und erzählt hat, daß Jäger auf Berglöwenjagd sich hier unentwegt gegenseitig erschießen.

PROULX: (lacht) Die erzählen gern Geschichten! Was noch?

ABENDBLATT: Von Guy, der seinen letzten Bullen mehr geliebt hat als seine Frau. In jeder Beziehung.

PROULX: So ist das hier. Was noch?

ABENDBLATT: Niemand hat etwas von Annie Proulx gehört.

PROULX: Deshalb lebe ich hier. In Wyoming fragt kein Mensch danach, wer man ist oder was man tut.

ABENDBLATT: Auch nicht nach den Geschichten, die Sie über Wyoming geschrieben haben?

PROULX: Nein. Aber ich habe Hunderte von Briefen bekommen von Leuten, die gesagt haben, genau so ist unser Leben.

ABENDBLATT: Es sind brutale Geschichten wie in all Ihren Büchern: Skrupellose, kaputte Typen, am Leben zerbrochen.

PROULX: Das ist nicht brutal. Das ist realistisch. Dieses unwirtliche Land formt die Menschen. Das fasziniert mich.


*

Wir fahren über Sandwege. Annie Proulx erzählt Geschichten am Fließband: Vom Pleite gegangenen Old Corral Restaurant, das man über Ebay im Internet ersteigern konnte. Der Dürre, die die Farmer zur Landflucht treibt. Von reichen Kaliforniern, die das Land aufkaufen. Am liebsten würde sie deshalb weiter in den menschenleeren Norden an die Grenze zu Utah ziehen.

*

ABENDBLATT: Sie leben gern allein?

PROULX: Oh ja.

ABENDBLATT: Ohne Angst in dieser Einöde?

PROULX: Ich habe ein Gewehr. Einige Frauen sind für das Alleinsein geschaffen. Ich gehöre dazu. Das habe ich erst mit weit über fünfzig gemerkt. Ich habe gern Besuch. Aber nur für kurze Zeit.


*

Sie zeigt auf endlose Weiden. Erzählt von den Versuchen, hier wieder eine urwüchsige Landschaft mit Büffelherden wie zu Zeiten der Pioniere zu schaffen. Vom Kampf der Farmer gegen Großkonzerne, die hier Schweinemastbetriebe aufbauen wollen und von Erdgasgesellschaften.

*

PROULX: Das zerstört die Landschaft. Daran arbeite ich gerade.

ABENDBLATT: Ein neuer Roman?

PROULX: Nein. Ich schreibe nie wieder einen Roman. Nie wieder. Dies wird ein Sachbuch.

ABENDBLATT: Ihren weltweiten Erfolg verdanken Sie aber Ihren Romanen.

PROULX: Ja. Das war nicht meine Idee. Der Verleger hat mich überredet. Aber mein Herz hängt an Kurzgeschichten. Sie dulden keine Schludrigkeit. Jedes Wort, jedes Komma muß sitzen.


*

Wir sind da. Zwei kleine Hügel. Ein dünner Espenwald. Ein Farmhaus, in den Boden gedrückt. Dicke, knorrige, aus Baumstämmen gebaute Möbel auf der Terrasse. Viele kleine Räume, ein Sammelsurium von Büchern, Bildern, skurrilen Plastiken. Kästen voller Fotos. Postkarten, Zeitungsausschnitte, alte Tagebücher.

*

ABENDBLATT: Sie sammeln wirklich alles?
PROULX: Oh ja, das reicht für Dutzende von Büchern. Ich bräuchte zwei weitere Leben, um alles umzusetzen. Hier, ein verwittertes weißes Kleid, das über einem Weidezaun hing. Vielleicht ein Brautkleid. Was für eine Geschichte mag dahinter stecken . . .



ABENDBLATT: Lassen Sie uns über Annie Proulx reden.

PROULX: No. Uninteressant.

ABENDBLATT: Ihre Söhne . . .

PROULX: Fragen Sie mich nicht nach deren Alter. Wir sind keine Familie für sentimentale Geburtstagsfeiern.

ABENDBLATT: Sentimentalität, Romantik . . .

PROULX: Fremdwörter. Ein Geburtsfehler.

ABENDBLATT: Sie glauben nicht an den amerikanischen Traum von Freiheit und Glück?

PROULX: Das gilt für Multimillionäre wie Jacob Astor. Meine Menschen träumen nicht. Die kämpfen ums nackte Überleben in einer gnadenlosen Landschaft, die ihnen keine persönliche Freiheit gönnt.

ABENDBLATT: Haben Sie Träume?

PROULX: Ich träumte gerade, ich würde mit einem Pinguin unter Wasser schwimmen . . .

ABENDBLATT: Das meinte ich nicht.

PROULX: Ich weiß. Lassen wir den Menschen ihre Träume, wenn sie sie brauchen. Ich brauche keine.

ABENDBLATT: Männer sind die Hauptfiguren Ihrer Bücher. Was ist mit den Frauen?

PROULX: Ich habe keine interessanten getroffen. Frauen reden pausenlos. Aber sie sagen nichts. Da gehts nur darum, wer, wann, was gesagt hat. Keine Fakten. Keine klaren Aussagen. Frauengespräche langweilen mich zu Tode.


*

Sie holt frischen Kaffee, bringt ein Telefonbuch, um eine Autovermietung zu suchen. Die einzige gibts weit weg in Cheyenne. Wieder gehts durch endloses Land. Annie Proulx fährt halsbrecherische Umwege, lacht, redet über Pflanzen, Tiere, über sich . . .

*

PROULX: Ich habe mich geändert in den letzten Jahren.

ABENDBLATT: Was ist passiert?

PROULX: Ich glaube nicht mehr an den großen Schmelztiegel Amerika. Ich dachte, die Sucht der Amerikaner, sich ständig neu zu erfinden, den Namen zu ändern, die Figur, das Gesicht operieren zu lassen, hätte etwas mit ihrer Vorgeschichte zu tun. Damit, daß jeder Immigrant in Amerika vollständig aufgehen will. Heute weiß ich, daß das nicht stimmt. Sie besinnen sich wieder auf ihre Wurzeln, pflegen sie. Und wenn es nur das Lieblingsgericht der Ur-Großmutter ist. Oder Familienrituale.

ABENDBLATT: Den American Dream zerstören Sie ja ohnehin in jedem Ihrer Bücher.

PROULX: Er ist irreal. Wer das nicht sieht, ist naiv. Menschen sind in ihrer Lebenssituation gefangen, können ihr nicht entfliehen. Werden abgebrüht, zäh oder resignieren.

ABENDBLATT: Das beschreiben Sie ohne Mitgefühl. Trotzdem mag man die meisten Typen.

PROULX: Ja. Weil sie sich eine Unschuld bewahrt haben.


*

Sie zeigt auf Hollow Creek, das vermeintliche Paradies, in dem Pioniere sich auf dem Weg nach Westen niederlassen wollten. Erschrocken weiter zogen, weil der Wind wie ein Blasebalg durch das Tal tobte. Ausgeblichene Rinderschädel am Wegrand. Zwei einsame Cowboys, die einen Zaun reparieren. Ein Schneesturm, der sich nähert. Riesige Steinklötze, Vedauwoo, das die Indianer den Spielplatz der Götter nannten. Zerklüftete Schluchten, steile Berghänge.

*

PROULX: Hier gehe ich einmal im Jahr mit meinen Kindern, wandern. Wunderbar!

ABENDBLATT: Sie haben eine Tochter, von der man nie etwas hört.



PROULX: Ich habe sie erst vor zehn Jahren wiedergetroffen. Eine tolle Frau. Erwachsen, interessant, intelligent, schnell, witzig, mit einer sanften dunklen Stimme. Ich mag sie sehr.

ABENDBLATT: Wo war sie vorher?

PROULX: Bei meinem ersten Mann. Nach der Scheidung haben wir uns aus den Augen verloren. Der einzige Mann, von dem ich gehofft hatte, wir würden wieder zusammenkommen. Wir haben uns geliebt. Wir konnten damals nur nicht miteinander leben. Jetzt ist es zu spät. Er ist vor einigen Jahren gestorben.


*

Wir haben uns verfahren. Irgendwo auf der Happy Jack Road. Es ist schon früher Nachmittag. Sie wollte mir noch die Höhlenmalereien zeigen, zu denen sie im Sommer mit ihrem Freund Dudley und seinem Archäologenteam fährt als Köchin. Die Air Force Base mit den bizarren Raketen. Vor der Autovermietung wird sie wieder wortkarg.

*
ABENDBLATT: Noch einen Abschiedskaffee?

PROULX: Nein! Ich muß jetzt allein sein. Ab in die Berge. Wandern.



Geschrieben von Bluelissa am 18.10.2007 um 20:24:

 

Was hast du denn markiert, Franke? verwirrt verwirrt
Oder bin ich wieder zu blöd, das zu sehen??



Geschrieben von franke11 am 18.10.2007 um 20:26:

 

ähhh .....die rote Stelle im unteren Drittel.

Hat jetzt nichts mit dem Namen Ennis zu tun!



Geschrieben von Bluelissa am 18.10.2007 um 20:32:

 

Irgendwie hatte ich vorhin nur einen Teil des Interviews gesehen.Hmm, ein bisschen verschroben scheint sie ja zu sein, oder täusche ich mich da?Aber eije sehr interessante Persönlichkeit auf jeden Fall.



Geschrieben von Andi am 18.10.2007 um 21:25:

 

Zitat:
ABENDBLATT: Sie haben eine Tochter, von der man nie etwas hört.

PROULX: Ich habe sie erst vor zehn Jahren wiedergetroffen. Eine tolle Frau. Erwachsen, interessant, intelligent, schnell, witzig, mit einer sanften dunklen Stimme. Ich mag sie sehr.


Die Frau redet ja von ihrer Tochter als wäre sie irgendeine entfernte Bekannte von ihr!! =? =?



Geschrieben von satyr am 19.10.2007 um 01:45:

 

Also bei aller Liebe, aber Annie spricht mich als Person überhaupt nicht an! Emotionen, Sentimentalität und Romantik sieht sie als Geburtsfehler an? Selbst die Wyomer Leute werden sowas in irgendeiner weise besitzen. Und wie sie über ihre Kinder redet. Als seien es irgendwelche Fremden Leute. Wenn alle Menschen so eine Einstellung wie Miss Proulx an den Tag legen würden, wären wir wohl wirklich irgendwann mal emotionale Krüppel. Harte Lebensbedingungen hin oder her, die gibt es nicht nur in Wyoming und anderen amerikanischen Staaten... aber sie scheint ja kein bisschen "Menschlichkeit" zu zeigen, da das für sie angeblich nur reine Naivität sei verwirrt



Geschrieben von brando am 20.10.2007 um 00:32:

 

Zitat:
Original von Andi
Zitat:
ABENDBLATT: Sie haben eine Tochter, von der man nie etwas hört.

PROULX: Ich habe sie erst vor zehn Jahren wiedergetroffen. Eine tolle Frau. Erwachsen, interessant, intelligent, schnell, witzig, mit einer sanften dunklen Stimme. Ich mag sie sehr.


Die Frau redet ja von ihrer Tochter als wäre sie irgendeine entfernte Bekannte von ihr!! =? =?


Erinnert mich sehr an ein Interview mit Joni Mitchell.
Die hat ihre Tochter zur Adoption freigegeben und hat sich in dem Interview dahingehend geäußert, dass sie dadurch aber auch ihrer Kreativität freieren Lauf lassen konnte.
Ich weiß noch, dass ich mich damals sehr über die Formulierungen im Interview aufgeregt habe. Das war ziemlich selbstsüchtig. Und ähnlich kommt Annie Proulx in diesem Punkt rüber.

(Als Mitchells Tochter erwachsen war, hat sie übrigens ihre Mutter gesucht und gefunden. Und heute lässt sich Joni M. stolz mit schöner Tochter und Enkel fotographieren.)


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